Region Ostfalen...

Mondlandschaft Lappwaldsee

Ein Erholungsgebiet steht in Aussicht
Ein Beitrag von Hermann Brammerts

Wer den Lappwaldsee aufsucht, findet ein Gewässer in unattraktiver Umgebung vor, genauer: in einer begradigten Mondlandschaft. Noch hat der See mit dem Lappwald wenig zu tun. Hier mussten seit Ende des 19. Jahrhunderts Ortschaften wie Alt-Büddenstedt (es entstand Neu-Büddenstedt), Alversdorf, Runstedt, Wulfersdorf und Teile von Schöningen dem Bodenaufriss für den Braunkohletagebau weichen, der den wachsenden Dampfmaschinenpark der deutschen Industrialisierung und den zunehmenden Heizbedarf der Privathaushalte unterfütterte. Der kapitalgesteuerte Raubbau an der Arbeitskraft mit 16-Stunden-Tagen und an der Natur war noch zu Zeiten der Reichsgründung und der Etablierung der neuen Produktivkräfte ungebremst. Gerade im Bergbau blieben Kinderarbeit und Hungerlöhne an der Tagesordnung. Die sich ausdehnende Arbeiterbewegung sah sich zunächst großen politischen Repressionen ausgesetzt (z.B. die Sozialistengesetze Bismarcks). Erst 1904 wurde im Kaiserreich Kinderarbeit unter 12 Jahren untersagt. 

Die geförderte Kohle entstand vor ca. 50 Millionen Jahren. Ihre Pflanzensubstanz bildete sich in Sumpfwäldern. Diese wuchsen im Gebiet des vor der Küste gestauten Grundwassers und in Altwässern im Gewirr der mündungsnahen Flussläufe, häufig am Rande eines subtropischen Mangroven-Watts. Es herrschten nach heutigem Maßstab indische Temperaturen. Für knapp anderthalb Jahrhunderte hatte die Bodenausbeutung im Helmstedter Revier Vorrang. Nach der Stilllegung der Förderung 2002, als die Flöze erschöpft waren, und der kompletten Auskohlung begann endlich, aber zaghaft die Renaturierung. Der See wächst langsam und kontinuierlich an und soll frühestens 2030 seinen endgültigen Stand erreicht haben. Die sichtbaren Wunden in der Landschaft teilen sich der Landkreis Helmstedt (Niedersachsen) und die Landkreise Börde und Altmark (heute Sachsen-Anhalt) nahe der Gemeinde Harbke. Beide Bundesländer planen nun die Entwicklung dieses künftigen Naherholungsgebietes und touristischen Anziehungspunktes gemeinsam. Die Befüllung des "Lochs“ findet mit Grundwasser statt, wegen der relativen Höhe des Areals gibt es kaum andere Zuflussquellen. Bis zum Jahre 2016 kann Sümpfungswasser aus dem Tagebau Schöningen übergeleitet werden. Der See soll möglicherweise 2017 für das Baden freigegeben werden. Eine Fremdflutung wird den Wasser-Endstand bis 2030 ermöglichen, sonst würde sich der Vorgang bis 2060 hinziehen.

Im Tagebaurestloch Helmstedt war von Anfang an ein zusammenhängender Restsee vorhanden. Im Restloch Wulfersdorf entstehen zunächst zwei Wasserflächen. Von 2045 bis 2050, heißt es, wird sich bei Erreichen einer Wasserspiegelhöhe von 90 m ü. N.N. aus den drei Teilseen ein gesamter Wasserkörper bilden.

 

Das Braunkohlekraftwerk Buschhaus in der Gemeinde Büddenstedt, von der Albrecht-Regierung in Hannover genehmigt, das 1985 in Betrieb ging, zog wegen zunächst fehlender Rauchgasentschwefelungsanlage manche Massenproteste auf sich, die das Anlaufen verzögerten. Der Betreiber suchte sich mit der Errichtung des höchsten Industrieschornsteins in Deutschland aus  der Affäre zu ziehen (je höher der Schadstoffausstoß erfolgte, so die Rechnung, desto mehr schien dann das Gas "weg“ zu sein). Erstmals hatte man nun damit keinen Erfolg. Das Revier produzierte seither seine schwefelhaltige Salzkohle vor allem für die Befeuerung dieses Kraftwerks. Buschhaus  soll im Rahmen der Klimaschutzziele der Bundesregierung ab 1. Oktober 2016 im Einvernehmen mit dem heutigen Eigentümer MIBRAG vom Netz genommen, für vier Jahre in Sicherheitsbereitschaft versetzt und danach stillgelegt werden.

 

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Offenbar sind bislang die Planungen der beiden betroffenen Bundesländer in Verbindung mit den strukturschwachen Landkreisen Helmstedt, Börde und Altmark bezüglich der Rekultivierung des Reviers noch nicht abgeschlossen, eine industrielle Teilnutzung des Areals ist ebenfalls in der Diskussion. Am Ende wird der See laut Internet-Mitteilung der Gemeinde Harbke die Größe des Arendsees erreicht haben und die dreifache Wassermenge des Steinhuder Meeres fassen. Der zukünftige See soll dann ca. 4 km² groß sein und etwa 11 km Uferlänge aufweisen.

Die Zieldaten sind laut Helmstedt-Wiki: 
¨ Wasserfläche (Endstand): 400 Hektar bei 103 Meter NHN
¨ Maximale Ausmaße: Nord-Süd 4,6 Kilometer, Ost-West 1,7 Kilometer
¨ Wasserinhalt maximal: 122 Millionen Kubikmeter
¨ Wassertiefe maximal: 70 Meter, mittlere Tiefe um 16 Meter
¨ geschätzter Zwischenstand um 2015: etwa 200 Hektar Wasserfläche bei 70 Meter NHN
¨ geschätzte Dauer des Wasseranstiegs: bis zum Jahr 2030

Besucht und umrundet werden kann das Seegebiet z.B. am Ende des Büddenstedter Weges ab Parkplatz Lappwaldsee in Helmstedt. Dort informiert ein Infopunkt über den Planungsstand des Projekts Lappwaldsee. Die derzeitigen diversen Verbotszonen für Betreten und Nutzung des Areals rühren von den Gefahren her, die besonders in steileren Lagen für Besucher bestehen, die sich erst mit der zunehmenden Auffüllung mit Wasser verringern. Damit die notwendige fachkundige Aufsicht sichergestellt ist, steht die Fläche auf niedersächsischer Seite derzeit noch im Eigentum der Helmstedter Revier GmbH und unter ihrer Bergaufsicht. Erst nach der Entlassung aus der Bergaufsicht und der Genehmigung durch das Landesbergamt Clausthal-Zellerfeld dürfen erste Flächen zur Fremdnutzung freigegeben werden.

Von Fußgängern und Radfahrern kann das Gebiet rund um den Lappwaldsee umrundet werden und ist ausgeschildert. Die drei Radrouten – Lappwaldsee, Eitzsee und Paläon – vernetzen nicht nur die Region rund um den Lappwaldsee mit den umliegenden Orten, sondern verbinden auch die Städte Helmstedt und Schöningen und damit die Bundesländer Sachsen-Anhalt und Niedersachsen auf interessanten Wegrouten miteinander. Wenn die Lappwaldseestrecken noch um weitere Radtouren wie z.B. die Natur-, Mittelalter- oder die Grenzenlos-Route ergänzt werden, entsteht ein umfangreiches Tourenportfolio, das dann auch den Naturpark Elm-Lappwald einbindet. 

Die Lappwaldsee-Route ist ca. 18 km lang. Der Einstieg in die Rundroute ist an jeder Stelle möglich, empfehlenswert ist der Parkplatz Büddenstedter Weg in Helmstedt. Folgt man der Route westlich am Lappwaldsee entlang, erläutern Informationstafeln an zwei Aussichtspunkten die informative Bergbaugeschichte entlang der ehemaligen deutschdeutschen Grenze. Weiter geht es durch  Büddenstedt, Hohnsleben und Sommersdorf bis Harbke. Hier lohnt ein Abstecher in den Schlosspark Harbke. Das Fahrrad muss hier zwar geschoben werden, dafür wird man diesen Landschaftspark aber zu schätzen lernen. Am Eingang steht die 1572 erbaute evangelische Kirche St. Levin mit der Fritzsche-Treutmann-Orgel. Vorbei an dem ältesten Ginkgo-Baum Deutschlands und der Schlossruine gelangt man zur 1830/31 im neugotischen Stil erbaute Orangerie. Das darin befindliche Café lädt zu einer kleinen Pause ein. Von dort geht es zurück nach Helmstedt.

 

Die ca. 20 km lange Eitzsee-Route verbindet die renaturierte Landschaft des alten Tagebaus Treue und den  Eitzsee mit der Stadt Helmstedt. Ein guter Startpunkt ist das Zonengrenzmuseum in Helmstedt, Parkplatz Holzberg. In der Nähe befindet sich auch eine Solarladestation für Elektrofahrräder. Durch die Grünanlagen geht es zunächst Richtung Lappwaldsee. Kurz hinter dem Infopunkt Petersberg zweigt die Route in das renaturierte Tagebaugebiet Treue ab, direkt am Kraftwerk Buschhaus vorbei entlang der B244 und dann am Waldrand des Elz und über die Felder nach Helmstedt zurück. Die ca. 23 km lange Paläon-Route umrundet das Tagebaugebiet Schöningen mit dem Paläon, dem Forschungs- und Erlebniszentrum Schöninger Speere. Die archäologischen Funde stammen aus dem Tagebau. 

 

 Eitzsee   © 2017 wdh

Die Schöninger Speere sind mit einem Alter von etwa 300.000 Jahren die bisher ältesten erhaltenen Jagdwaffen der Menschheit. Mit dem Paläon-Forschungs- und Erlebniszentrum Schöninger Speere wird Thiemes Fund gebührend für interessierte Besucher und Fachleute aus der ganzen Welt in Szene gesetzt. Inmitten eines Jagdlagerplatzes finden sie mehr als 10.000 Knochen von Wildpferden sowie sieben Holzspeere, weitere Speerbruchstücke, eine Lanze und ein Wurfholz. Eine echte Weltsensation. Denn niemals zuvor wurden so alte und vollständig erhaltene Jagdwaffen aus Holz gefunden.“ (palaeon.de/schoeninger-speere).

Dem Homo heidelbergensis, der bisher in Europa als Vorläufer des Homo "sapiens "gilt (anderswo heißt er Homo erectus), hatte man intellektuell solche Waffen nicht zugetraut, er war mutmaßlich im Geiste zu schlicht — man fand ja bisher nur Steine. Als ob die frühen Jäger ihr Wild nur mit Steinen erlegt hätten, oder hatten sie gar ihre Waldelefanten mit bloßen Händen erdrosselt? Ein Produkt gedanklicher Kurzgriffigkeit unter Archäologen, bloß weil früheres Holzwerkzeug oder solches aus vergänglichem anderen Material bislang nicht zu entdecken war — Holz, Sehnen oder anderes von diesem Alter ist in der Regel längst verrottet. Daher sagte man bisher voreilig Altsteinzeit“ (Paläoli-thikum) zu dieser Epoche (immerhin 3 Mio. bis 10.000 Jahre v.u.Z.). Wird sie nun umbenannt? Ein Vorschlag als Arbeitshypothese zur Güte: Vielleicht hatten unsere frühen Vorfahren ja auch Pfeil und Bogen, die wären heute auch kaum zu finden — oder Blasrohre? Heute weiß man ja, dass schon bestimmte Affenarten oder Vögel Werkzeug benutzen. Hinweis: Das Paläon macht es sich erfreulicherweise nicht mehr so einfach und bemüht sich um realistische Präsentationen.

 

 Tagebau Schönigen der mal zum Elmsee werden soll...   © 2017 wdh

Als Einstieg in die Rundroute bietet sich die Stadt Schöningen mit dem Schloss oder das Paläon an. Der Rundweg führt über die Kreisstraße entlang der ehemaligen Tagebaugebiete nach Büddenstedt, einem Ort der ab 1935 neu angelegt wurde, nachdem der alte Ort dem Kohleabbau weichen musste. Über eine kleine Brücke geht es weiter durch das renaturierte Tagebaugebiet Wulfersdorfer Schweiz und dann durch Hohnsleben, Reinsdorf, Offleben nach Hötensleben mit dem Grenzdenkmal. Kurz danach wird der Informationspunkt Tagebau Schöningen erreicht. Spätestens zum Abschluss der Tour lädt das Paläon zu einem Besuch ein.

 

Ein Beitrag aus der Themenzeitschrift Helmstedt FORUM

 


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